Was ist das Pickwick-Syndrom?
Das Pickwick-Syndrom, auch Obesitas-Hypoventilations-Syndrom (OHS) genannt, kann auftreten, wenn du Adipositas hast [2]. Dabei kommt es zu Atemveränderungen, die häufig mit nächtlichen Atemaussetzern (Schlafapnoe) verbunden sind [1].
Pickwick-Syndrom: Wie häufig kommt es vor und was beeinflusst das Risiko?
Das Pickwick-Syndrom tritt selten auf [3]. Es gibt jedoch einige Faktoren, die dein Risiko erhöhen können: [4]
- Körpergewicht: Ein Body-Mass-Index (BMI) von 40 oder höher kann das Risiko erhöhen.
- Geschlecht: Es kann Frauen und Männer betreffen. Aktuelle Studien zeigen, dass das Syndrom bei Männern häufiger vorkommt.
- Alter: Das Risiko kann mit dem Alter steigen, besonders ab dem 40 Lebensjahr.
Wie entsteht das Pickwick-Syndrom?
Bei Adipositas kann Fettgewebe im Brust-, Hals- und Bauchraum auf die Lunge und Atemwege drücken. Dadurch wird die vollständige Ausdehnung der Lunge beim Atmen eingeschränkt. Infolgedessen kann weniger Sauerstoff aufgenommen und mehr Kohlenstoffdioxid (CO₂) im Körper gespeichert werden. Ein Überschuss an CO₂ kann Atemprobleme, eine Übersäuerung des Blutes, Müdigkeit, Kopfschmerzen sowie eine zusätzliche Belastung für Herz und Lunge verursachen.
Mit der Zeit kann das die Atmung zusätzlich erschweren. Auch die Atemmuskulatur kann schneller ermüden. Manche Studien zeigen, dass eine veränderte Leptin-Wirkung die Atemsteuerung beeinflussen kann [3, 4].
Leptin ist ein Hormon, das dem Gehirn signalisiert, wann Sättigung erreicht ist, und die Atemmuskulatur steuert. Wenn der Körper nicht richtig auf Leptin reagiert, erhält das Gehirn keine klaren Signale für die Atmung. Dadurch kann die Atmung langsamer oder flacher werden, insbesondere während des Schlafs.
Namensherkunft
Das Pickwick-Syndrom wurde nach einer Figur aus dem Roman „Die Pickwickier“ von Charles Dickens benannt. Die Geschichte beschreibt einen übergewichtigen Kutscher, der ständig müde ist – ein typisches Symptom des Syndroms [4].
Symptome des Pickwick-Syndroms
Menschen mit Pickwick-Syndrom haben häufig folgende Beschwerden: [3]
- Erschwerte Atmung und Kurzatmigkeit (besonders nachts)
- Nächtliche Atemaussetzer (Schlafapnoe)
- Lautes Schnarchen
- Schlafstörungen
- Starke Tagesmüdigkeit
- Morgendliche Kopfschmerzen (durch erhöhten CO₂-Gehalt im Blut)
- Depressive Verstimmungen
- Bluthochdruck (pulmonale und arterielle Hypertonie)
- Sauerstoffmangel im Blut (Hypoxie)
- Erhöhter CO₂-Gehalt im Blut (Hyperkapnie)
- Erhöhte Anzahl roter Blutkörperchen (Polyglobulie)
Diagnose des Pickwick-Syndroms
Um herauszufinden, ob du das Pickwick-Syndrom hast, können Ärzt:innen verschiedene Untersuchungen durchführen: [3]
- Blutuntersuchung: Es wird gemessen, wie viel Sauerstoff und Kohlenstoffdioxid (CO₂) in deinem Blut sind. Das zeigt, ob dein Körper genug Sauerstoff aufnimmt und überschüssiges CO₂ richtig abgeatmet wird. Ein Ungleichgewicht kann auf Atemprobleme hinweisen.
- Lungenfunktionstest: Dieser Test prüft, wie gut deine Lunge arbeitet und ob es Einschränkungen bei der Atmung gibt.
- Schlafuntersuchung: In einem Schlaflabor wird beobachtet, ob es während deines Schlafs zu Atemaussetzern kommt und wie sich dein Körper darauf einstellt.
- Röntgen des Brustkorbs: Mit einer Röntgenaufnahme können Ärzt:innen erkennen, ob andere Ursachen wie Lungenerkrankungen deine Atmung beeinträchtigen.
Behandlung des Pickwick-Syndroms
Wenn bei dir das Pickwick-Syndrom festgestellt wurde, ist eine gute ärztliche Beratung wichtig. Mit der richtigen Behandlung kannst du besser atmen und deine Beschwerden verringern. Gesundheitliche Folgen kannst du durch die Behandlung vielleicht sogar vermeiden. Diese Therapien können dir helfen: [5, 3]
1. Gewichtsabnahme
Bereits kleine Gewichtsveränderungen können deine Atmung verbessern [5]. Eine ausgewogene Ernährung und Bewegung können dich dabei in deinem Alltag unterstützen. Setze dir kleine und realistische Ziele, damit du sie auch dauerhaft umsetzen kannst.
2. Atemtherapie
In einem Schlaflabor wird untersucht, welche Unterstützung du brauchst. Zwei häufige Methoden sind [3, 6]:
- CPAP (Continuous Positive Airway Pressure): Steht für einen regelmäßigen Atemwegsdruck und ist eine Beatmungsform. Eine Atemmaske hält deine Atemwege offen und erleichtert die Atmung.
- NIV (Non-Invasive Ventilation): Steht für nicht-invasive Beatmung und ist eine Form der Atemtherapie für Patient:innen, die Schwierigkeiten haben, ausreichend Sauerstoff aufzunehmen oder Kohlendioxid abzugeben.
Beide Methoden können deine Lebensqualität und Schlafqualität verbessern.
3. Medikamente
Bestimmte Medikamente wie Medroxyprogesteron, Acetazolamid und Theophyllin können die Atmung anregen und den CO₂-Gehalt im Blut senken. Da sie Nebenwirkungen haben können, solltest du sie nur unter ärztlicher Aufsicht einnehmen [4].
4. Psychotherapie und Selbsthilfegruppen
Das Pickwick-Syndrom kann mit psychischen Belastungen wie Depressionen, Angst oder Einsamkeit einhergehen. Eine Psychotherapie oder der Austausch in Selbsthilfegruppen kann dir helfen, besser mit der Erkrankung umzugehen [3].
5. Gesunde Schlafhygiene
Schlaftabletten können deine Atmung weiter verschlechtern und sollten vermieden werden. Regelmäßige Schlafzeiten und eine ruhige Schlafumgebung unterstützen die Erholung [3].
Auswirkungen ohne Behandlung
Ohne Therapie kann das Pickwick-Syndrom zu ernsthaften Gesundheitsproblemen führen, wie Sauerstoffmangel, Herzbelastung oder einem höheren Schlaganfallrisiko. Eine frühzeitige Behandlung kann deine Lebensqualität verbessern und das Sterberisiko senken [4].
Fazit
Das Pickwick-Syndrom ist eine seltene, aber ernsthafte Folge von Adipositas. Es kann zu Atemproblemen führen, die sich mit einer frühen Diagnose und passenden Behandlungen verbessern lassen. Wenn du rechtzeitig handelst, kannst du Beschwerden verringern und gesundheitliche Risiken senken.
Quellen
[1] Stuck, B.A., Arzt, M., Fietze, I. et al. (2020). Teil-Aktualisierung S3-Leitlinie Schlafbezogene Atmungsstörungen bei Erwachsenen. Somnologie, 24, 176–208. URL: https://register.awmf.org/assets/guidelines/063_D_Ges_fuer_Schlafforschung_und_Schlafmedizin/063-001l_S3_SBAS_Teil-Aktualisierung_2020_2020-09.pdf
[2] Masa, J. F., Pépin, J. L., Borel, J. C., Mokhlesi, B., Murphy, P. B., & Sánchez-Quiroga, M. Á. (2019). Obesity Hypoventilation Syndrome. European Respiratory Review, 28(151), 180097. DOI: https://doi.org/10.1183/16000617.0097-2018
[3] Patel, S. R. (2015). The Complex Relationship Between Weight and Sleep Apnoea. Thorax, 70(3), 205–206. URL: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25487572/
[4] Rokou, A. et al. (2023). Effect of a Structured Diet Plan on Sleep Apnea. Current Nutrition Reports, 12(1), 26–38. DOI: https://doi.org/10.1007/s13668-022-00445-w








