Orthorexie: Wenn Ernährung zur Belastung wird

In einer Welt des ständigen Nahrungsmittelüberflusses und der allgegenwärtigen sozialen Medien entwickeln sich nicht nur neue Ernährungsstile, sondern auch ungesunde Formen des Essverhaltens. Eine davon ist die Orthorexie, auch Orthorexia nervosa genannt. Dabei handelt es sich um eine extreme Fixierung auf gesundes Essen, die das Leben der Betroffenen stark einschränken kann.

Inhaltsverzeichnis

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Was ist Orthorexie?

Orthorexie beschreibt ein Essverhalten, das von einer übermäßigen Fixierung auf vermeintlich gesunde Lebensmittel geprägt ist. Betroffene wählen häufig nur noch sogenannte „reine“ oder „gesunde“ Nahrungsmittel aus und meiden alles, was nicht ihren strengen Vorstellungen entspricht. Diese Einschränkungen können mit der Zeit zu sozialen Belastungen, gesundheitlichen Problemen und starkem Leidensdruck führen.

Menschen, die eine Orthorexie aufweisen, beschäftigen sich intensiv mit der Auswahl, Herkunft, Zubereitung und dem Nährstoffgehalt ihrer Mahlzeiten. Oft befolgen sie selbst festgelegte Regeln, wie etwa den Verzicht auf Fette beim Kochen oder das strikte Meiden bestimmter Lebensmittelgruppen, zum Beispiel Zucker oder Gluten [1].

Begriffsherkunft

Der US-amerikanische Arzt Steven Bratman prägte 1997 den Begriff „Orthorexia nervosa“. Der Begriff stammt vom griechischen orthos (=richtig) und orexie (=Appetit oder Ernährung) ab. Durch den Zusatz “nervosa” wird deutlich, dass es sich um eine psychisch bedingte Erkrankung handelt. Es stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich “die Nerven betreffend”. 

Orthorexia nervosa: Zwanghaft „gesund“ essen?

In der Fachwelt wird zwischen Orthorexie und Orthorexia nervosa unterschieden. Die Orthorexia nervosa stellt dabei ein schwerwiegenderes restriktives Essverhalten dar, welches zusätzlich von starken Ängsten, Verzweiflung und Beeinträchtigungen des täglichen Lebens begleitet sein kann. [1]

Ist Orthorexie eine Essstörung?

Wo endet gesundheitsbewusstes Essverhalten und wo entsteht eine Beeinträchtigung der Lebensqualität? Diese Frage stellt sich besonders bei der Orthorexie. Spätestens wenn der exzessive Ernährungsstil mit psychischen Erkrankungen wie Ängsten, Zwängen, Depressionen oder einer gestörten Körperwahrnehmung einhergeht und zu erheblichem Leidensdruck führt, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden [2].

Aktuell sind weder die Orthorexie noch die Orthorexia nervosa als eigenständige Krankheitsbilder anerkannt. Die Klassifizierung der beiden Erkrankungen als klar abgegrenzte Essstörungen wird nach wie vor debattiert. Aufgrund der stetig wachsenden Zahlen an Betroffenen ist jedoch weitere Forschung wünschenswert und erforderlich [1].

Wer ist betroffen?

Besonders häufig betroffen sind junge Menschen. Ein erhöhtes Risiko zeigen vor allem Personen, die sich beruflich mit Ernährung oder Gesundheit beschäftigen, etwa im Gesundheitswesen, im Sport oder in der Ernährungsbranche. Auch der Einfluss sozialer Medien spielt eine wichtige Rolle: Idealbilder, Ernährungstrends und permanente Selbstinszenierung können das Essverhalten stark beeinflussen. [9]

Studien zeigen alarmierende Zahlen: Die Punktprävalenz von Orthorexia nervosa liegt bei Medizinstudierenden bei 76,2 % und bei Jugendlichen bei 49 % [3, 4]. Das bedeutet, dass ein erheblicher Teil dieser Gruppen zum Zeitpunkt der Befragung Symptome orthorektischen Verhaltens zeigte.

Orthorexie erkennen

Menschen mit Orthorexie beschäftigen sich übermäßig mit dem Gedanken, sich „richtig“ oder „gesund“ zu ernähren. Sie folgen zunehmend strengen, selbst auferlegten Regeln, oft ohne Rücksicht auf Genuss, Alltag oder soziale Situationen [2].

Merkmale einer Orthorexie sind:

  • Intensive Beschäftigung mit der Qualität und Reinheit von Lebensmitteln (rein = von chemischen Zusatzstoffen frei) – Qualität ist wichtiger als Genuss
  • Eine übermäßige Konzentration auf den Nährstoffgehalt von Mahlzeiten (bspw. die Einhaltung von einer konkreten Menge Eiweiß, Fett odern Kohlenhydraten pro Mahlzeit)
  • Strenge Ernährungsregeln und -beschränkungen (bspw. nur zu bestimmten Uhrzeiten essen, ausschließlicher Verzehr von Bio-Produkten, usw.)
  • Eine erhebliche Beeinträchtigung des täglichen Lebens und der sozialen Teilhabe (bspw. wird ein Restaurantbesuch durch rigide Regeln erschwert oder unmöglich)
  • Versuch, andere von der eigenen „richtigen“ Ernährungsweise zu überzeugen
  • fehlende Einsicht, dass das befolgte Ernährungsverhalten schädigend sein könnte
  • Bewegungssucht

[1, 2, 5]

Was die Orthorexie aufrecht erhält 

Die strikte Einhaltung eigener Ernährungsregeln gibt Betroffenen oft ein Gefühl von Sicherheit, Kontrolle und Selbstwert. Wer sich konsequent an die selbst gesetzten Vorgaben hält, fühlt sich häufig überlegen gegenüber anderen, die aus ihrer Sicht „ungesünder“ leben.

Doch schon kleine Abweichungen können bei Betroffenen starke emotionale Reaktionen auslösen. Etwa Schuldgefühle, Angst oder Selbstablehnung. Dadurch wird das Verhalten weiter verstärkt: Die strengen Regeln geben Halt, obwohl sie gleichzeitig den Alltag einschränken und das psychische Wohlbefinden belasten.

Ursachen und Risikofaktoren

Unterschiedliche individuelle und soziokulturelle Faktoren können dazu beitragen, dass eine  starke Fixierung auf bestimmte Lebensmittel entsteht [1, 2, 5]:

  • diagnostizierte Krankheiten und die damit einhergehende Befassung mit den Auswirkungen von Ernährung auf die Gesundheit
  • aus Angst, durch ungesunde Ernährung krank zu werden
  • Konzentration auf Gewichtsverlust
  • Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild
  • eine Vorgeschichte mit Diäten oder Ernährungsformen wie Veganismus oder Clean-Eating [7]
  • bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, ein hohes Maß an Neurotizismus und eine Tendenz zu zwanghaftem Verhalten
  • Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen
  • ein gesteigertes Bedürfnis nach Kontrolle in unsicheren, stressigen Zeiten (bspw. belegen Studien einen generellen Anstieg von Essstörungen nach Covid‑19) [6]

Gesellschaftliche Normen und die Informationsflut durch soziale Medien tragen ebenso maßgeblich zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Orthorexie und Orthorexia nervosa bei [1, 2, 9]:

  • Darstellung von idealisierten Körperbildern
  • Informationsflut zu Ernährungstrends, die Gesundheit mit einer reinen Ernährung gleichsetzen, wie z. B. Clean-Eating
  • häufige Berichte über neue Diät- und Ernährungsformen sowie ständig wechselnde Ernährungsempfehlungen
  • Informationen über aktuelle Lebensmittelskandale können die Furcht vor krankmachenden Nahrungsmitteln schüren
  • Verbreitung von Fehlinformationen und unwissenschaftlichen Behauptungen

Folgen von Orthorexie

Zu den negativen Folgeerscheinungen gehören Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit wie zum Beispiel [1, 2]:

  • Mangelernährung durch einseitige Kost
  • ungewolltem Gewichtsverlust
  • sozialer Isolation, da gemeinsames Essen oft vermieden wird
  • kognitiver Einengung, etwa durch ständiges Gedankenkreisen um „erlaubte“ Lebensmittel
  • Zwangsritualen wie festen Essenszeiten oder aufwändigen Zubereitungsroutinen
  • Ängsten, etwa vor gesundheitlichen Folgen durch vermeintlich „schädliche“ Nahrungsmittel

Obwohl das Verhalten anfangs als gesund erscheinen mag, kann es mit der Zeit zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen, sowohl körperlich als auch psychisch.

Diagnose der Orthorexie

Die Feststellung von Orthorexie und Orthorexia nervosa geschieht meist durch den Bericht der oben genannten Symptome sowie durch die Erfassung der Krankheitsgeschichte und des -verlaufs. Als Untersuchungsinstrument existiert ein Selbsttest, die sogenannte Düsseldorfer Orthorexie-Skala. [8]

Behandlung der Orthorexie

Da Orthorexie bislang nicht offiziell als eigenständige Essstörung anerkannt ist, liegt es im Ermessen der behandelnden Fachpersonen, wie sie mit der Diagnose umgehen. Häufig bleibt das auffällige Essverhalten lange unerkannt und damit auch unbehandelt.

Eine Behandlung beinhaltet auch die Therapie von eventuell komorbiden (gleichzeitig auftretenden) psychischen Erkrankungen wie Angst-, Zwangsstörungen oder Depressionen. Folgende Maßnahmen haben sich bewährt [1]:

1. Psychoedukation mit Ernährungsberatung:
Vermittlung von Informationen über die Erkrankung, ihre Folgen und der psychologischen Faktoren

2. Kognitive Verhaltenstherapie:
Ziel ist es, starre Denkmuster zu erkennen und zu verändern. Dazu gehören auch Übungen zur Reizkonfrontation, zum Beispiel das bewusste Essen „verbotener“ Lebensmittel, um Ängste abzubauen.

3. Intuitives Essen lernen:
Betroffene sollen wieder lernen, auf die Bedürfnisse ihres Körpers zu hören und Essen zu genießen

Orthorexie und Orthorexia nervosa sind in einigen Bereichen sehr spezifisch und weichen von bereits klassifizierten Essstörungen so deutlich ab, dass Expert:innen empfehlen, sie als eigenständige Diagnose zu klassifizieren, sodass spezielle und angepasste Therapiemaßnahmen entwickelt werden können [2].

Fazit

Sowohl die Orthorexie als auch die Orthorexia nervosa sind relativ neue Formen eines extremen Essensstils, welcher besonders durch gesellschaftliche Bedingungen, Normen und durch den Einfluss sozialer Medien begünstigt wird. Betroffene beschäftigen sich aus verschiedenen Gründen geradezu exzessiv mit als gesund empfundenen Lebensmitteln und Ernährungsweisen. Informationsvermittlung sowie eine Verhaltenstherapie können helfen, auch mit einhergehenden psychischen Erkrankungen wie Angst-, Zwangsstörungen oder Depressionen umzugehen.

Quellen

[1] Horovitz, O., & Argyrides, M. (2023). Orthorexia and Orthorexia Nervosa: A comprehensive examination of prevalence, risk factors, diagnosis, and treatment. Nutrients, 15(17), 3851. https://doi.org/10.3390/nu15173851

[2] Sonnenmoser, M. (2014). Orthorexie: Sinnvoll oder pathologisch? Deutsches Ärzteblatt. https://www.aerzteblatt.de/archiv/orthorexie-sinnvoll-oder-pathologisch-a5131756-02c3-4b65-8b32-0f34cd06088e

[3] Erol, Ö., & Özer, A. (2019). Determination of orthorexia nervosa symptoms and eating attitudes in medicine students. European Journal of Public Health, 29(Suppl. S4), ckz186.280.

[4] Turner, P. G., & Lefevre, C. E. (2017). Instagram use is linked to increased symptoms of orthorexia nervosa. Eating and Weight Disorders, 22, 277–284.

[5] Łucka, I., Mazur, A., Łucka, A., Sarzyńska, I., Trojniak, J., & Kopańska, M. (2024). Orthorexia as an eating disorder spectrum – A review of the literature. Nutrients, 16(19), 3304. https://doi.org/10.3390/nu16193304

[6] McLean, C. P., Utpala, R., & Sharp, G. (2022). The impacts of COVID-19 on eating disorders and disordered eating: A mixed studies systematic review and implications. Frontiers in Psychology, 13, 926709. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.926709

[7] Ambwani, S., et al. (2020). “It’s healthy because it’s natural.” Perceptions of “clean” eating among US adolescents and emerging adults. Nutrients, 12(6), 1708.

[8] Bartel, F. (2014). Orthorektisches Ernährungsverhalten. Psychologische Untersuchungen zu einem neuen Störungsbild [Dissertation, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf]. https://d-nb.info/1056035862/34

[9] Scheiber, R., Diehl, S., & Karmasin, M. (2023). Socio-cultural power of social media on orthorexia nervosa: An empirical investigation on the mediating role of thin-ideal and muscular internalization, appearance comparison, and body dissatisfaction. Appetite, 185, 106522. https://doi.org/10.1016/j.appet.2023.106522

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